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Dr. Gabriele Schambach, 26.06.2022
26.06.2022Dr. Gabriele Schambach, Organisationsberaterin, Führungskräftetrainerin und Co-Leiterin des Projektes «Leaders for Equality», Universität St. Gallen

Männliche Führungskräfte gewinnen Frauen für männertypische Berufe durch Kulturveränderung (Teil 1)

Frauen sind in typischen Männerberufen nach wie vor unterrepräsentiert. Trotz vielfältiger Massnahmen, um Mädchen und Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, verändert sich bislang daran wenig. Immerhin haben viele Unternehmen und Organisationen mittlerweile damit begonnen, Frauen aktiv zu bewerben, zum Beispiel durch gendersensible Stellenausschreibungen. Aber was nutzt das alles, wenn im Bewerbungsgespräch oder dann im Arbeitsalltag eine Unternehmenskultur herrscht, in der sich Frauen nicht wohlfühlen? In meinem Blog-Artikel erfahren Sie, wie Sie diesen Kulturwandel in Ihrem Unternehmen anstossen, festigen und nachhaltig ausgestalten können.

In unserem Projekt Leaders for Equality: Führungskräfte nutzen Chancen zeigen wir Möglichkeiten auf, wie Frauen (besser) in männertypische Berufen und Branchen inkludiert werden können. Eine zentrale Rolle spielen dabei die – bislang in Gleichstellungsprozessen zu wenig berücksichtigten – männlichen Führungskräfte. Sie stellen nicht nur die Mehrheit in den Führungsetagen, sondern sind auch zentrale Akteure bei (jeder Form von) Organisationsveränderungsprozessen. Mit ihnen als Gestalter, Unterstützer, Botschafter kann eine Kulturveränderung in Unternehmen gelingen.

Dass dies kein blosses Wunschdenken ist, zeigt unsere schweizweite – und international erstmalige – Umfrage zum Gleichstellungsengagement männlicher Führungskräfte. Hier wird deutlich, dass die Männer motiviert und bereits vielfach aktiv dabei sind, so genannte genderinklusive Führungspraktiken anzuwenden. Diese sind Handlungen im Berufsalltag, die zu mehr Gleichstellung beitragen, die jede Person in ihrem Tätigkeitsfeld problemlos umsetzen kann – ganz unabhängig davon, ob und welche Gleichstellungsmassnahmen in der Organisation existieren.

Um durch ihr Verhalten Frauen für männertypische Berufe zu gewinnen, können die männlichen Führungskräfte mit den von uns herausgearbeiteten genderinklusiven Führungspraktiken verschiedene Strategien anwenden:

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1. Positionieren Sie sich

Positionierung bedeutet, dass Sie als Befürworter von Gleichstellung aktiv werden, indem Sie:

- Gleichstellungsmassnahmen im Gespräch mit Kolleg*innen und Vorgesetzten verteidigen,

- aktiv an unternehmensinternen Aktivitäten zu Gleichstellungsthemen teilnehmen,

- Ihren männlichen Kollegen ein positives Feedback geben, wenn sie ein frauenförderndes Führungsverhalten zeigen.

2. Ermutigen Sie Frauen

Unter Ermutigung werden jene Aktivitäten gefasst, die Frauen gezielt fördern, durch:

- die direkte Ansprache von geeigneten Frauen zur Bewerbung auf eine Führungsposition,

- die Ermutigung von Mitarbeiterinnen zur Teilnahme am Kaderentwicklungsprogramm,

- die Berücksichtigung einer oftmals anderen, vorsichtigeren Wortwahl von Frauen bei Beurteilungen,

- die Bemühung, „men-only“-Teams durch die Suche nach geeigneten Frauen zu vermeiden.

3. Berfördern Sie aktiv die Integration von Frauen

Wenn Frauen bereits im Team oder Führungskreis sind, können die männlichen Führungskräfte eine gelingende Integration befördern, wenn sie:

- darauf achten, dass die Redebeiträge von Frauen in Besprechungen gleichermassen gehört und aufgriffen werden,

- dafür sorgen, dass Frauen in reinen Männerrunden in das Gespräch integriert werden,

- prestigeträchtige Anfragen oder interessante Aufgaben einer Frau im Team anbieten, um ihr so zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung zu verhelfen.

4. Intervenieren Sie!

Und Sie können durch Interventionen aktiv werden, indem Sie:

- darauf achten, selber keine Bemerkungen machen, die Frauen abwerten oder nicht ernst nehmen,

- andere Männer ansprechen, wenn sie (auch unbeabsichtigt) Bemerkungen machen, die Frauen abwerten, sexistisch oder frauenfeindlich sind,

- sich hinter ihre Mitarbeiterinnen und Kolleginnen stellen, wenn deren Kompetenzen übergangen, missachtet oder in Frage gestellt werden.

Aus unserer Beratungspraxis kennen wir die Herausforderungen, um diese Handlungsmöglichkeiten anzuwenden: Zum einen gibt es zum Teil grosse Unterschiede, wie Frauen und Männer Situationen oder Bemerkungen vor allem in männerdominierten Zusammenhängen einschätzen und bewerten. Wobei Männer diese häufiger als selbstverständlich sehen, während Frauen diese als eher fremd und unpassend empfinden. Zum anderen erleben männliche Führungskräfte Gleichstellungshandeln ambivalent, weil sie befürchten, Frauen zu bevormunden statt zu fördern. Um zu einem gemeinsamen Verständnis und auch Handeln zu gelangen, haben wir deshalb das Format der Geschlechterdialoge entwickelt. Diese bieten die Möglichkeit, sich über die verschiedenen Wahrnehmungen, Einschätzungen und Ideen der Kulturveränderung auszutauschen.

All diese Aktivitäten und jede einzelne der genderinklusiven Führungspraktiken führt zu einer Veränderung der Organisationskultur, so dass sich Frauen in männertypischen Berufen wohl fühlen - und für diese (noch mehr) gewonnen werden können.

Zu Leaders for Equality

Leaders for Equality: Führungskräfte nutzen Chancen ist ein mit Finanzhilfen nach Gleichstellungsgesetz des Eidg. Büros für
die Gleichstellung von Frauen und Männern gefördertes Analyse- und Entwicklungsprojekt (2019-2021). Es unterstützt Unternehmen dabei, die mehrheitlich männlichen Führungspersonen besser in die Gleichstellungsarbeit einzubeziehen.

Zur Person:

Dr. Gabriele Schambach ist Organisationsberaterin, Führungskräftetrainerin und Co-Leiterin des Projektes Leaders for Equality: Führungskräfte nutzen Chancen an der Universität St. Gallen. Am 16. Juni 2022 hielt Gabriele Schambach ein Impulsreferat am Workshop "Frauen für männertypische Berufe gewinnen? Mit Leadership zum Erfolg" von Werkplatz Égalité im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport.